Presse

Eine Entdeckungsfahrt an einem kalten Januarmorgen. Ich kaufe eine Zeitung, genauer: die Frankfurter Allgemeine Zeitung und lese. Und dann auf der letzten Seite – Bilder. Bilder wie ich sie so noch nie gesehen habe. Malerei? Fotos. Egal. Sie lösten eine Sehnsucht und Herzklopfen aus.

Was passierte da auf einmal mit mir? Ich ließ sie einfach wirken. Ich betrat eine andere Welt, die entfernt an die eigene erinnerte. Aber irgendwas war anders.

Plötzlich waren da wieder diese magischen Momente, in denen die Welt aus den Fugen gerät, Momente die vielleicht eben so spannend sind wie der Versuch zu erforschen, was sie zusammenhält. Wir alle leben mit Bildern, mit Weltbildern. Sie bieten uns Orientierung, schränken uns aber auch ein. Unsere Weltbilder konstruieren wir im Laufe des Lebens wegen Ihrer Zweckhaftigkeit und vermeintlichen Sinnhaftigkeit. Mit diesen Weltbildkonstruktionen, die uns alltagstauglich machen, geht aber auch nahezu immer eine Entzauberung der Welt einher.

Diese viel und immer wieder beklagte Entzauberung der Welt, diese gelegentliche Monotonie, ist ja nicht alleine, vielleicht sogar überhaupt nicht, der Wissenschaft zuzuschreiben, sondern unserer eigenen Routine. Wir alle sind Alltagsroutiniers; das gibt Sicherheit und „spart Zeit“.

Es gehört zu meinen Lieblingsspielen, diese Alltagsroutinen, diese ständige Sinnzufuhr und das zwanghafte Funktionieren gelegentlich zu unterbrechen. Dann beginnt sich die Welt auf eine sonderbare Weise zu verfremden, sie erscheint plötzlich in einem völlig anderen Licht. Nichts um mich herum existiert mehr für mich, sondern alles nur noch für sich, für sich selbst. Und nun zitiere ich ausnahmsweise einen der Großdenker der Gegenwart, Peter Sloterdijk; Sie müssen sich den Namen nicht merken, es ist nur so, dass er Gärtner ist und ich nur der Blumenpflücker – wie auch immer - das bisher angesprochene Phänomen so:

„Die Welt erscheint wie ein Film, bei dem die Tonspur, die Sinnspur abgeschaltet ist…“ und weiter: „Die Weltszene ist um alles vermindert, was Sprache und Anteilnahme ihr hinzugefügt hatten – das Sein hat einen Sinninfarkt erlitten und besteht nur noch im Leerlauf weiter“.

Was zunächst wie eine Bedrohung klingt, verschafft mir die äußersten Glückszustände. Die Welt erscheint in ihrer wunderbaren Absurdität. Ein Sprungbrett in die Unabhängigkeit von all den Konventionen und Wichtigtuereien einer Welt, die nur das Geld und den Erfolg noch kennt. Genug.

Ich komme zurück zu den Fotos von Isabella Berr. Sie sind wie eine Türe in dieses magische Reich der Weltverfremdung. Ein Glücksrausch, wenn man sich die Zeit lässt, hier und da abzuschalten und das Gehechel nach Anerkennung, nach Geld, nach Erfolg. Die Welt ist viel, viel bunter, viel, viel abenteuerlicher als uns die Urlaubskataloge und die gesamte marktschreierische Werbeindustrie glauben machen will. Die Bilder lassen eine andere Welt erahnen – eine verzauberte.

Die Wünschelrute

„Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.“

Poesie ist der wahre Reichtum unseres Lebens – und diese Bilder sind Poesie.

von: Otto Wynen
anläßlich der Vernissage in Neuruppin